In den Hahnengruben von Erbil

Text: Markus Schauta, Video: Lisa Köppl

Jeden Abend werden Kampfhähne in die Cockpits von Erbil geworfen. Dort hacken sie aufeinander ein, bis ein Tier unterliegt. Für die Besitzer geht es um Prestige und manchmal um gewonnene Wetten.

Ein Hahn kräht. Dann noch einer. Das Haus, aus dessen offener Tür das Krähen dringt, ist nicht einfach zu finden. Eine Seitengasse in einem heruntergekommenen Stadtteil nahe der Universität. Drinnen hocken Männer auf einer hufeisenförmigen Tribüne und beobachten das blutige Schauspiel in der Arena. Wasserpfeifen blubbern. Tiergeruch, wie in einer Zoohandlung, hängt in der Luft.

Eine kniehohe, rot-weiß-rote Absperrung bildet den ovalen Kampfplatz. Das Cockpit, die Hahnengrube, umfasst etwa fünf mal drei Meter. Zwei großgewachsene Hähne hacken aufeinander ein. Blut fließt, wo die scharfen Schnäbel die Haut aufgerissen haben und ins Fleisch gedrungen sind. Bis zu zwei Stunden kann ein Hahnenkampf dauern. Es ist ein stummer Kampf. Das einzige Geräusch ist das Schlagen der Flügel, wenn die Tiere aufeinander losgehen. Sie hüpfen und flattern und hacken mit ihren Schnäbeln aufeinander ein. Die Enge der Arena treibt sie dazu, ihr Gegenüber als Kontrahent in einem Revierkampf wahrzunehmen. Entlang der Wand sind Holzverschläge mit Luftlöchern aufgestellt, aus denen gelegentlich ein lautes Krähen zu hören ist. Dort warten die nächsten auf ihren Kampf.

Kampfhähne für 3.000 US-Dollar
Jeden Tag nach Sonnenuntergang werden hier im Zentrum Erbils Hahnenkämpfe veranstaltet. Die Regeln sind einfach. Verloren hat jenes Tier, das irgendwann den Kampf verweigert, oder zu schwer verletzt ist, um weiter zu kämpfen. „Oder stirbt“, wie Ismael sagt. Der Mittvierziger mit der Zigarette im Mundwinkel züchtet selbst Hähne und kennt das Geschäft. Den Tod des Tieres versuchen die Besitzer allerdings zu vermeiden, so Ismael: „Ein Kampfhahn kostet von einigen hundert bis mehrere tausend US-Dollar.“ Die teuren Tiere werden auf Märkten in der Türkei eingekauft, wo Kampfhähne aus Thailand oder Vietnam angeboten werden. „So ein Hahn kann schon mal 3.000 US-Dollar kosten.“ Diese speziellen Kämpferrassen zeichnen sich durch ihre Größe, aufrechte Körperhaltung, muskulöse Hälse und Beine und durch ihr aggressives Verhalten aus.

Königlicher Wettsport
Die Tradition des Hahnenkampfes ist eine alte. Der erste schriftliche Beleg stammt aus dem 6. Jahrhundert vor unserer Zeit, als Hahnenkämpfe in China ein königlicher Sport mit sorgfältig ausgearbeiteten Regeln war. Die Kämpfe verliefen damals deutlich kürzer, da die Tiere mit metallenen Sporen bestückt waren. Bis ins 19. Jahrhundert war der Hahnenkampf ein weltweit verbreiteter und beliebter Wettsport. So ließ etwa Heinrich VIII. im Whitehall-Palast in London eine Arena für Hahnenkämpfe errichten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Kämpfe in vielen Ländern verboten. So gibt es heute in Europa kaum mehr Hahnenkämpfe. Eine Ausnahme ist Frankreich. Die Kämpfe sind zwar per Gesetz verboten, in einigen wenigen Regionen mit langer Tradition, dürfen sie jedoch weiter stattfinden. Der Bau neuer Hahnenkampfarenen ist aber landesweit untersagt. Großer Beliebtheit erfreut sich der Hahnenkampf nach wie vor auf den Philippinen. Die Kämpfe sind kurz und blutig, da scharfe Metallsporen an den Beinen der Tiere befestigt werden. In Kurdistan seien die Hahnenkämpfe legal, so der Züchter Ismael.

Karriere Kampfhahn
Zigarettenqualm hängt in der Luft, ein Mann verkauft Tee und Kaffee in Plastikbechern. Zwei neue Tiere kämpfen jetzt in der Arena. Federn wirbeln durch die Luft, als sie aufeinander einhacken. Alle zehn bis 15 Minuten wird der Kampf unterbrochen. Ihre Besitzer kontrollieren die Tiere dann auf Verletzungen, reiben ihnen Kopf und Füße mit kaltem Wasser ab, geben ihnen zu trinken. Mit einem zusammengedrehten Tuch reinigen sie die Kehlen der Hähne vom Blut. Der Pfiff des Schiedsrichters beendet die Pause.

„Der eine mit den goldenen Schwanzfedern stammt aus meiner Züchtung“, sagt Ismael. Er zeigt Fotos auf seinem Smartphone. In einem Dutzend Käfigen zieht er Kampfhähne auf und verkauft diese, sobald sie alt genug sind. „Ab neun Monaten kannst du einen Hahn kämpfen lassen.“ Davor seien ihre Knochen zu weich. Trainiert werden müssen sie nicht, ihr Angriffstrieb sei genetisch bedingt. Die Karriere eines Kampfhahnes beginne mit kurzen Probekämpfen. „Zuerst zehn Minuten, dann 15, dann 20 Minuten. Erst dann werden sie zu offiziellen Kämpfen gelassen.“ Nicht selten verlieren sie bei diesen Probekämpfen ein Auge, oder ein Fuß bricht. „Dann ist ihre Karriere frühzeitig beendet.“

Am Ende ist Ismael stolz, dass ein Hahn aus seiner Zucht gewonnen hat. Er lässt sich mit dem blutenden Tier fotografieren. Zwei Wochen hat der goldgefiederte Hahn nun Zeit sich zu erholen. Dann steht der nächste Kampf an.