Endstation Istanbul

Von Markus Schauta, Istanbul | |Wiener Zeitung

Flüchtlinge suchen auf dem Aksaray Platz Schlepper, Bleibe und Arbeit.

Istanbul. Gegen 9 Uhr beginnt der Aksaray Platz zu erwachen. Kellner bauen Tische und Sessel vor den Cafés auf. Schuhputzer hocken auf ihren Plastikschemeln und warten bei einer Frühstückszigarette auf Kundschaft. Hinter den Schaufenstern der Läden bewegen sich die ersten Kunden. Im Park – mit Palmen auf grünem Rasen – liegen noch die letzten Schläfer auf den Bänken. Andere sind bereits wach, warten mit Taschen und Koffern zwischen den Beinen, Kapuzen ins Gesicht gezogen. Frauen mit Kindern am Arm. Ein Taubenschwarm zieht über den grauen Himmel. Der Aksaray Platz in Istanbul ist Treffpunkt für Syrer im Exil.

Geschätzte 350.000 Flüchtlinge sollen sich in Istanbul aufhalten. Hier auf dem Platz kontaktieren sie ihre Schlepper, suchen nach Wohnungen und Arbeit. Manche bleiben nur für wenige Tage. Andere Monate, bis sie das Geld für die Weiterreise zusammengespart haben. Für viele sind die überfüllten Wohnungen rund um den Platz Endstation; der Sprung nach Europa ist zu teuer, der Weg zurück nach Syrien versperrt.

Das Café mit den kunstlederbezogenen Sesseln unter der Markise ist einer der angenehmen Warteräume am Rande des Aksaray Platzes. Kemal, Schnauz- und Spitzbart, blauer Kapuzensweater, serviert hier seit sechs Monaten Tee, Kaffee und Hamburger. In seiner Zwölf-Stunden-Schicht bekommt der 24-jährige Syrer vieles mit, was am Platz passiert. Sieht Menschen kommen und gehen, hört die unterschiedlichen arabischen Dialekte. „Die am Nachbartisch kommen aus Tunesien“, sagt Kemal und meint fünf junge Männer mit kurz geschorenen Haaren in Steppjacken. „Sie wollen nach Deutschland. Aber sie wissen natürlich, dass Syrer bevorzugt aufgenommen werden.“ Es seien auch viele Marokkaner hier, Algerier und natürlich Syrer.

Auch Kemal will nach Europa. Um zu studieren, einen vernünftigen Job zu finden, sich ein Leben aufzubauen. Er weiß, dass die Fahrt über das „Meer des Todes“, wie er das Mittelmeer nennt, riskant ist. Dennoch will er es versuchen: „Wer Kontakt zu Schleppern sucht, wird sie am Aksaray Platz finden.“ Aber auch auf Facebook und eigenen Websites bieten die Muharrib, wie die Schlepper auf Arabisch genannt werden, ihren Service an. Auf Kemals Smartphone ploppen Facebook-Seiten und Foren auf: „Wir bringen dich zu günstigen Preisen nach Deutschland, Schweden oder Holland. Verfügen über große Erfahrung“, steht dort zu lesen. Ein Schlepper bietet für 2500 US-Dollar die Überfahrt nach Griechenland mit einer Jacht an. Anderswo gibt es die Überfahrt schon für 1000 US-Dollar. 35 bis 40 Leute seien im Boot, das eine Länge von neun Metern habe. Das angefügte Foto eines Schlauchbootes voll Menschen ist wenig vertrauenserweckend. Der Schlepper kann über WhatsApp oder Viber kontaktiert werden. Doch die Konkurrenz unter den Anbietern ist groß. Das sei zu teuer, weiß ein Kommentator und bietet das gleiche Service für 800 US-Dollar an. „Garantiert sicher“, sei der Landweg nach Griechenland, verspricht ein Angebot. Und auch gefälschte Reisepässe oder Abschlusszeugnisse syrischer Universitäten seien kein Problem, wie mehrere User versichern.

IS-Kämpfer im Haus

Mit Flüchtlingen lassen sich gute Geschäfte machen, weiß Kemal. Bis zu 10.000 US-Dollar verdiene ein Schlepper pro Monat. Und eine Menge anderer Leute schneiden mit: Kontaktpersonen in Syrien, Anwerber hier am Platz, Fahrer, Bootsbesitzer. Es heißt, dass sogar das griechische Militär bestochen werde, um Menschen am Landweg über die Grenze zu lassen. Ein Netzwerk, das sich von Syrien über die Türkei bis Griechenland spannt.

Es ist Mittag und vom nahen Minarett ruft der Muezzin. Die jungen Tunesier vom Nachbartisch haben ihre Rucksäcke geschultert. Vor dem Café gibt ihnen ein Mann kurze Anweisungen. Dann verschwinden sie im Park, der jetzt voll Menschen ist. Vor den Cafés blubbern Wasserpfeifen. Es wird Tee getrunken und gewartet. Zwischen den Tischen bettelnde Kinder und ein syrischer Bub, der sich als Schuhputzer anbietet. Im Immobilienbüro nebenan hängt ein Zettel im Schaufenster: „Wohnungen zu vermieten“, steht da auf Arabisch. Und vom Vordach eines Ladens baumeln knallorange Schwimmwesten; dünner Stoff über Styropor als Versicherung gegen sinkende Schiffe.

Salam braucht keine Schwimmweste. Er ist einer von vielen Syrern, die in Istanbul hängen geblieben sind. Für ihn gibt es kein Vor und kein Zurück. „Um in die EU zu gelangen, fehlt mir das Geld“, sagt Salam. Aber auch zurück nach Syrien kann er nicht. In seinem Haus wohnen jetzt Kämpfer des Islamischen Staates (IS). Der 27-Jährige hat heute seinen freien Tag. Ins Café kommt er, um Freunde zu treffen. „Keine Fotos“, sagt er und greift zur Zigarettenpackung. Seine Familie sei noch in Syrien. Wenn die Schergen des IS mitbekämen, dass er in Interviews schlecht über sie spricht, könnten die sich an seinen Verwandten rächen.

Salam erzählt vom Leben im IS; von Frauen, die gezwungen sind den Gesichtsschleier zu tragen. Von einer Jesidin, die vom Hausdach sprang, nachdem der achte Mann sie vergewaltigt hatte. Und von seiner Wohnung in Deir ez-Zor, in die nach seiner Flucht ausländische IS-Kämpfer einquartiert wurden. Genauso wie das Assad-Regime ziehe auch der IS junge Männer zum Kampf ein, sagt er. Daher verließ er seine Heimatstadt und ging über Schmugglerpfade in die Türkei. Das sei gefährlich, denn wen die türkischen Polizei aufgreife, der werde misshandelt. „Sie schlagen die Flüchtlinge, stehlen ihr Geld und schicken sie dann zurück nach Syrien.“

Salam wohnt ganz in der Nähe des Platzes. Über Betontreppen erreicht er die Kellerwohnung. Im Vorraum stapeln sich Schuhe, in der Dusche plätschert Wasser, aus der schmalen Küche dringen Stimmen. Salam teilt sich mit 13 anderen jungen Männern einen Schlafraum; vier Stockbetten bieten acht Personen Platz, die anderen sechs schlafen am Boden. Am Schrank hängt ein Zettel. „Unsere Regeln für das Zusammenleben“, sagt Salam; Das Geschirr soll regelmäßig abgewaschen, das Bad sauber gehalten werden. „Außerdem ist uns wichtig, hier so wenig als möglich zu rauchen, damit die Luft im kleinen Raum erträglich bleibt.“

Salam setzt sich auf eines der Betten: „Hundert Dollar bekommt der türkische Vermieter pro Person und Monat.“ Wie Salam sind auch seine Freunde aus Deir ez-Zor. Die meisten werden vorerst in Istanbul bleiben. Zwei von ihnen wollen nach Europa. Schwimmwesten haben sie bereits gekauft; für 20 US-Dollar das Stück. „Es ist schwer, als Syrer gute Arbeit zu finden“, sagt Salam. Er arbeitet am Stadtrand von Istanbul, in einer Fabrik, die Aluminium-Türen herstellt. Zwölf Stunden am Tag. Hinzu kommen drei Stunden für Hin- und Rückfahrt. „Sie beuten dich aus.“ 1000 türkische Lira erhält er im Monat, etwa 320 Euro. Versichert sei er nicht. „Das Geld reicht gerade, um Miete und Essen zu bezahlen.“

Türken bekommen für die selbe Arbeit mehr Geld bei geringerer Arbeitszeit und sind versichert. In den Verteilerdosen am Boden stecken die Aufladegeräte der Smartphones. „Es gibt hier WLAN“, sagt Salam. „Das ist wie Sauerstoff für uns.“ Auf seinem Smartphone Fotos aus besseren Zeiten: Die Weinlaube vor seinem Haus, ein Geburtstagskuchen. Bilder von in den Sand gemalten Herzen. Aber immer wieder holt ihn der Krieg ein: Auf Facebook hat er ein Foto eines Freundes gepostet: Bis zuletzt war dieser in Deir ez-Zor geblieben, um der Welt über die Verbrechen des IS zu berichten. Vor wenigen Tagen wurde er hingerichtet.

Zukunft trotz Krieg

Im Kaffeehaus am Rande des Aksaray Platzes sitzen neue Gesichter. Smartphones am Ohr, müde Augen, und über allem der Ruf des Muezzins zum Abendgebet. Kemal der Kellner raucht eine schnelle Zigarette. Zwei Stunden noch, dann endet seine Schicht. Ein Flugzeug im Tiefflug zieht über Istanbul. Von hier unten sieht es aus, als würde es in der Luft stehen. Es kann noch eine Weile dauern, aber irgendwann werde er Medizin studieren, sagt Kemal. „Meine Zukunft endet nicht wegen des Kriegs.“