Ein Felsen im Meer

Von Markus Schauta, Lampedusa | |Wiener Zeitung

Lampedusa will Urlaubsinsel sein, doch vor ihren Küsten sterben Menschen an der europäischen Flüchtlingspolitik.

Lampedusa. Von Europa aus besehen, ist Lampedusa nur eine nackte Insel im Mittelmeer. 20 baumlose Quadratkilometer am äußersten Rand Europas: Neun Stunden dauert die Anreise von Wien mit Umsteigen in Rom und Catania. Im Hafen von Lampedusa bunte Häuser mit Flachdächern. Wellen rollen an den Strand, wo unter Palmen Boote liegen. Eine Möwe schreit. Fischkutter, kleine Yachten und Sportboote schaukeln im Hafenbecken. „Auf Lampedusa gibt es Fischerei und Tourismus“, sagt Gianfranco, Drei-Tages-Bart und blaue Augen. Wie viele andere junge Bewohner Lampedusas lebt er nicht das ganze Jahr auf der Insel. „Die Saison geht von Juni bis August.“ Während dieser Zeit hilft er als Freiwilliger beim Roten Kreuz, arbeitet in einem Hotel und vermietet sein Auto an Touristen.

Die fahren damit die Insel ab. Nach Norden zur Steilküste, wo der Lavendel duftet und 130 Meter tiefer das Meer gegen die Felsen brandet und man von der Klippe aus die Rücken der Möwen im Wind sieht, weiß und grau und schwarz das Gefieder. Und zu den kleinen Buchten der Südküste, wo die Sandstrände weiß sind und das Meer türkisfarben, zwischen den Felsen Karettschildkröten.

Doch Fische und Touristen werden weniger. Um einen guten Fang zu machen, müssen die Fischer immer näher an die libysche Küste. Und auch die Touristenzahlen nehmen seit 2014 ab. „Wahrscheinlich wegen der Berichte über die Flüchtlinge“, sagt Gianfranco, schultert seine Umhängetasche und geht an den Strand, der gleich hinter dem Hafen beginnt.

Die Via Roma ist das Zentrum von Lampedusa. Eine Fußgängerzone, gesäumt von einstöckigen Häusern, die Jalousien der Balkone geschlossen. Marquisen beschatten die Auslagen der Boutiquen, wo es bunte Schals und T-Shirts mit stilisierten Schildkröten zu kaufen gibt. Ein Fleischer, ein Friseur, ein Schreibwarengeschäft und jede Menge Restaurants und Cafés mit Einheimischen, italienischen Touristen und einigen Japanern.

Mauro Seminara bestellt einen Espresso im Café Royal. Der Mittvierziger mit Bart und zurückgegeltem Haar ist Journalist. „Die Lampedusaner haben immer geholfen und werden es auch weiterhin tun“, sagt er und berichtet, wie Fischer und Segler Menschen vor dem Ertrinken retteten. „Aus Sicht von Lampedusa kann über die Operation ,Triton‘ nur gelacht werden. Das ist keine Lösung“, sagt Seminara. „Die Flüchtlinge müssen die EU auf sicheren Wegen erreichen können, damit sie nicht gezwungen sind, übers Meer zu fahren.“ Aber die Tragödie am Mittelmeer wirke sich auch auf das Leben der Inselbewohner aus. Seminara erzählt von der schwachen Infrastruktur der Insel. Davon, dass ein Großteil des Stromes mit Dieselgeneratoren erzeugt wird, dass ein Tankschiff das Trinkwasser liefert, es kein Schnellboot, sondern nur die langsame Fähre aufs Festland gebe und das Flugzeug nach Sizilien teuer sei. Hinzu kommt jetzt der Einbruch im Tourismus, da viele Medien die Insel als Krisengebiet darstellen. „Für die Einwohner von Lampedusa ist das ein Problem“, sagt er. In Wirklichkeit aber gebe keine Invasion von Flüchtlingen. Weder auf Lampedusa noch in Europa. Die EU könnte die Sache in den Griff kriegen, wenn sie nur wollte.

Ein Ort zum Sterben

Am Friedhof von Lampedusa stehen die Gräber dicht beieinander. Von Grabbauten, Kreuzen und Wänden mit Grabnischen blicken die Fotos der Toten. Seit Jahren wird auf der Insel nur gestorben, aber niemand mehr geboren. Denn das Krankenhaus hat keine Geburtenabteilung und Hebamme gibt es keine. Die Frauen müssen zum Entbinden nach Sizilien.

Am nahen Rollfeld landet eine Propellermaschine der italienischen Post. Ein Friedhofsarbeiter im himmelblauen T-Shirt, die Leiter geschultert, zwischen den Gräbern. „Dort liegen die Migranten“, sagt er und deutet auf ein halbes Dutzend verwitterter Kreuze zwischen wildem Hafer und gelben Butterblumen. Namenlosen Gräber, zehn, vielleicht zwanzig Jahre alt. Die Toten der letzten Schiffsunglücke wurden auf Sizilien bestattet. An einem der Kreuze hat jemand ein Andachtsbildchen befestigt: ein Boot voll Menschen am offenen Meer, am Bug der heilige Petrus, Schutzpatron der Schiffbrüchigen.

Am Hafen, gleich hinter dem Café mit der Aussichtsterrasse ist die Fassade eines alten Hauses mit bunten Holzbrettern benagelt. „Planken von Flüchtlingsbooten“, sagt Francesca. Die junge Frau mit kurzem Haar renoviert gemeinsam mit Freunden das alte Fischerhaus. Wo früher Netze geflickt und Boote repariert wurden, soll ein Ausstellungsraum entstehen. „Die Menschen auf Lampedusa wollen, dass die Migranten unsichtbar bleiben“, sagt sie. Doch Francesca will dem Vergessen ein Museum entgegensetzen. Am Schiffsfriedhof, wo die afrikanischen Boote verrotten, haben sie Objekte gesammelt, die Migranten gehörten: tunesische Zigarettenpackungen, Kleider, in die Telefonnummern eingenäht waren, Notizen und Zeichnungen, Schwimmwesten, Koran und Bibel vom Meerwasser aufgeweicht – und immer wieder Schuhe. Askavusa nennen sie daher ihr Kollektiv, was so viel wie „barfüßig“ heißt. Weil die Flüchtlinge, oft durchnässt vom Meerwasser oder Regen, ihre Schuhe ausziehen, wenn sie im Hafen ankommen.

Es kämen jetzt zwar weniger Touristen auf die Insel, dafür umso mehr Journalisten, NGO-Arbeiter, Polizisten und Soldaten. „Früher lebten die Menschen von Fischerei, dann vom Tourismus, jetzt immer mehr von der Militär- und Flüchtlingsindustrie“, sagt Francesca und dreht sich eine Zigarette. „Die Ökonomie der Insel verändert sich.“

Vom Büro der Guardia di Finanza fällt der Blick auf den Hafen; unter einem bewölkten Himmel schaukeln Boote am graublauen Wasser. Comandante Leonardo Gnoffo, ein ruhiger Mann in dunkelblauer Uniform, sitzt aufrecht hinter seinem Schreibtisch: „Die Flüchtlinge gestern Nacht waren in Seenot, ihr Boot war überfüllt.“ Fünf bis sechs Stunden seien sie am Meer gestrauchelt, bevor die Monte Sperone, ein Patrouillenboot der Guardia di Finanza, etwa 40 Meilen vor der libyschen Küste auf ihr Boot traf.

Minuten entscheiden

Andere hatten nicht so viel Glück. Comandante Gnoffo zeigt ein Video auf seinem Handy: Ein Schlauchboot am offenen Meer, gefilmt von einem Flugzeug aus. Etwa 50 Menschen drängen sich aneinander, am Heck des Bootes läuft Wasser ein. „Die meisten können nicht schwimmen“, sagt er und stoppt das Video. „Wenn nicht binnen 30 Minuten ein Schiff da ist, sind alle ertrunken.“ Und nach einer Pause: „Aufgrund der Größe des Areals, der Anzahl der Flüchtlinge und des Zustands der Boote können wir davon ausgehen, dass es weit mehr Tote gibt als bekannt.“ Möwen kreisen über einem Fischkutter. Die Wellen tragen weiße Kronen aus Gischt. „Die See ist rau“, sagt Gnoffo. „Hoffentlich fahren heute keine Boote von Libyen los.“

Das oft überfüllte Aufnahmezentrum für Flüchtlinge liegt etwas außerhalb der Stadt. Soldaten bewachen die Einfahrt; Zugang nur mit Genehmigung der Präfektur in Agrigent. Hinter dem Zaun im Schatten einer Pinie sitzt ein Dutzend Flüchtlinge. Sie sind letzte Nacht mit dem Schiff der Guardia di Finanza nach Lampedusa gekommen. Einer von ihnen, Danyal aus Eritrea, hellgrünes Hemd, Jeans, Turnschuhe, erzählt: „Dem Schlepper musste ich 1800 Dollar bezahlen. 600 Menschen waren auf dem Schiff.“

Dann erzählt er von seiner Reise durch die Sahara. Von seiner Angst, als Mitreisende im Tschad gekidnappt wurden, um von den Familien Lösegeld zu erpressen. Von Hunger und Obdachlosigkeit und vom Warten in Tripolis auf gutes Wetter für die Überfahrt. Und er erzählt von seiner Frau und seinem Sohn Barakat, der fünf Jahre und sechs Monate alt ist. „Ich würde ihnen gerne sagen, dass ich sicher bin nach der gefährlichen Seefahrt, aber ich habe kein Handy.“

Dass er auf einer Insel ist, näher an Tunesien als am europäischen Festland, weiß Danyal nicht. Auch nicht, dass ihn morgen die Fähre in ein Lager auf Sizilien bringen wird. Danyal weiß nichts vom Streit Europas über die Frage, welcher Mitgliedsstaat wie viele Flüchtlinge aufnimmt, von den Zeltlagern in Linz und Thalham, die im Schlamm versinken und von Politikern, die Menschen wie ihn als „wertloses Menschenmaterial“ bezeichnen. „Ich bin in Europa“, sagt Danyal, „und ich bin glücklich.“