Die Stunde Null

Von Markus Schauta, Irak | |News

Die irakische Armee steht vor der Eroberung der IS-Bastion Mosul. Es wäre ein entscheidender Sieg im Kampf gegen den Islamischen Staat. Doch, was passiert dann? Eine Reportage aus einer gerade befreiten altorientalischen Stätte, in der die Islamisten zwei Jahre herrschten.

Ich saß in der Moschee und habe gebetet, als die Druckwelle einer gewaltigen Explosion Fensterglas zerbrach und die Tür aufschlug. Der Boden bebte. Wir rannten ins Freie. Da waren zwei weitere Explosionen. Dann sahen wir die Staubwolke über den Ruinen von Nimrud. Es war eine gewaltige Explosion“, sagt Ali Hussein, Verwalter der Moschee im Dorf.

Die Schlacht um Mosul

Die Ortschaft Nimrud liegt am Ostufer des Tigris, 30 Kilometer südlich von Mosul, der
zweitgrößten Stadt des Irak. Dort hatte im Sommer 2014 IS-Chef Abu Bakr Al-Baghdadi
ein selbst ernanntes Kalifat ausgerufen und die von seiner Terrormiliz „Islamischer
Staat“ (IS) beherrschten Teile des Irak und von Syrien unterworfen. Zweieinhalb
Jahre und eine Schreckensherrschaft später, steht der IS am selben Ort vor seiner
größten Niederlage. Einer Koalition aus irakischen Regierungstruppen, Freischärlerverbänden und kurdischen Kampftruppen ist es in den vergangenen
Monaten gelungen, den Ostteil der Stadt zurückzuerobern. Unterstützt von internationalen Luftschlägen, hat dieser Tage der Versuch begonnen, auch den Westteil zu
befreien. Dort, auf der anderen Seite des Tigris, herrscht bis heute der IS. Laut UN-Schätzungen sollen 750.000 Menschen eingeschlossen sein, die Hälfte davon Kinder.
Was passiert, wenn der IS verschwindet, zeigt die Fahrt ins Dorf Nimrud.

Als die Islamisten kamen

Im Sommer 2014 eroberten die Dschihadisten große Teile Nordiraks und bringen
auch das Dorf unter ihre Kontrolle. Am Rande des Ackerlandes, wenige Kilometer
entfernt, befindet sich der Siedlungshügel des altorientalsichen Nimrud, einst Hauptstadt
des Assyrischen Reiches. Im März 2015 tauchen Videos im Internet auf, die die Zerstörung des Kulturerbes zeigen.
Nimrud; eine Ansammlung grauer Häuser, geduckt hinter Betonziegelmauern. Der Regen hat die engen Dorfstraßen in Schlammpisten verwandelt, rot-brauner Morast spritzt von den Reifen des Toyota. Am Rande der Ortschaft eine ebenerdige Moschee, auf dem Flachdach sind Lautsprecher montiert. Ali Hussein ist ein großer Mann mit breiten Schultern unter einem knielangen Mantel. Hussein ist der Verwalter des Gebetshauses,
sein Sohn der Imam. Mit lauter Stimme lädt er in sein Haus gegenüber der grünen Moschee. „Es ist, als würde dir jemand mit einem stumpfen Messer den Kopf abschneiden“, beklagt Hussein die Sprengung Nimruds. „Es tötet alle Erinnerungen.“
Der Raum ist mit Teppichen ausgelegt. Hussein, seine Frau mit den drei quengelnden Töchtern, zwei Söhne und drei schnauzbärtige Nachbarn sitzen entlang der Wände. Alle tragen sie Jacken und Hauben, beim Sprechen bilden sich Atemwölkchchen. Hussein hat eine besondere Beziehung zur altorientalischen Stätte. Sein verstorbener Vater war dort als Wächter angestellt. Viele Male war er als Kind auf der Ausgrabung. Auch als im Sommer 2014 die Dschihadisten des „Islamischen Staates“ kamen, gab es Wächter. Aber die liefen davon, so Hussein. Was hätten sie auch tun sollen? Nachdem die IS-Kämpfer die Stätte einnahmen, sperrten sie die Zufahrt. „Niemand durfte mehr nach Nimrud.“ Vor der
großen Explosion sah er, wie mit Holzkisten beladene Pickups Richtung Mosul davonfuhren. Er ist sich sicher, dass der „Is-lamische Staat“ alles von Wert wegbrachte.
Die beiden steinernen Torlöwen mit Flügeln mussten sie zurücklassen – zu schwer, so der Moschee-Verwalter. An die fünf Meter seien sie hoch gewesen. Ob sie die Detonation überstanden hatten, weiß er nicht. „Ich war seit der Zerstörung nicht mehr dort.“

Die Gottheiten des IS

Hussein hat sich oft gefragt, warum die Dschihadisten das irakische Kulturerbe gesprengt
haben. Einmal habe er in einer Moschee in Mosul einen Imam reden hören: Die Gefahr sei groß, so der Imam, dass ihre Kindeskinder wieder in die Anbetung der alten Statuen und Gottheiten zurück-fallen könnten. „Ein Unsinn!“, sagt Hussein mit lauter Stimme. Und überhaupt: Die Ruinen seien seit 3.000 Jahren hier, den Islam gebe es seit 1.300 Jahren. „Hätten die Muslime damals geglaubt, dass die Ruinen eine Bedrohung darstellen, hätten sie diese zerstört. Das taten sie aber nicht.“ Hussein war nicht immer so kritisch gegenüber dem „Islamischen Staat“. „Daish machte einen Rosengarten in der Wüste“,
sagt Hussein. Daish, so lautet die arabische Bezeichnung für den IS, die auch etwas Abschätziges beinhaltet. Und Husseins Frau, die bisher still zugehört hat, sagt: „Ich hab den Daish nie getraut.“ Als der IS im Sommer 2014 große Teile des Irak eroberte, war in Bagdad eine schiitische Regierung unter Nuri al-Maliki an der Macht. Der Ministerpräsident verfolgte einen autoritären, sektiererischen Kurs auf Kosten der sunnitischen Minderheit. Von der Herrschaft des sunnitischen IS versprachen sich die ebenso sunnitischen Dorfbewohner Gerechtigkeit. Und tatsächlich: Die Benachteiligung der Sunniten hatte ein Ende. Das Kalifat ließ Straßen reparieren und den Müll einsammeln. Es gab Heiratsbeihilfen und die Familien von Dschihadisten, die im Kampf fielen, erhielten finanzielle Unterstützung.

Das wahre Gesicht des IS

Es dauerte etwa ein Jahr, so Hussein, dann bereuten die Leute, dass sie sich dem IS
angeschlossen hatten. Sie hörten von Frauen, die zu Sexsklavinnen gemacht wurden und von Morden, die der IS beging. Und dann war da das strenge Regime
der Hisba, der Religionspolizei. „Sie patrouillierten durch das Dorf und überwachten, ob die Gesetze eingehalten wurden. Ob du Bart trägst, die Hosen nicht über die Fussknöchel reichen, ob die Leute in die Moschee gehen und das Rauchverbot einhielten, ob Frauen den Nikab trugen – alle diese Regeln, die wir befolgen mussten.“ Unterstützt wurde die Hisba von fünf Bewaffneten, die ständig im Dorf waren. Verstieß jemand gegen die Regeln, wurde er fortgebracht. In eines ihrer Hauptquartiere in Mosul oder woanders hin. Für geringe Vergehen wurden die Menschen ausgepeitscht, andere kamen nicht wieder
zurück. Das öffentliche Leben kam zum Erliegen. „Es war verboten, dass mehr als
drei Menschen auf der Straße beisammen standen und sich unterhielten“, erzählt Ahmed, einer der Nachbarn. Verließ eine Familie das Dorf, so nahm der IS ihnen das Geld ab und zerstörte ihr Haus. Husseins 24-jähriger Sohn ist der Imam des Dorfes. „Die Hisba gab mir immer wieder Texte, die ich in der Predigt vorlesen sollte“, sagt Abdulsalam Ali, der die spitze Nase seines Vaters hat. Es waren aus dem Kontext gerissene Koranstellen, die die Leute zum Dschihad, dem heiligen Krieg, ermutigen sollten, so Abdulsalam. Während
der Predigt musst er die Lautsprecher am Dach der Moschee anschalten. So konnte man weithin hören, was er sagte. Den Anweisungen der Hisba folgend, kritisierte Abdulsalam in den Freitagspredigten auch jene Islam-Gelehrten, die sich weltweit gegen den „Islamischen Staat“ wandten. „Ich war gezwungen, diese Predigten zu halten“, betont er. Die Texte der Hisba verbrannte er anschließend. „Weil sie viel Unfug beinhalteten.“ Später wird uns einer der Nachbarn sagen, dass unter dem IS ein falsches Bild vom Islam gepredigt wurde und viele Menschen daher nicht mehr in die Moschee gingen. Und dann sagt Hussein: „Die Daish hatten überall ihre Spitzel. Du konntest niemandem mehr vertrauen. Nicht einmal deinem eigenen Sohn.“

Augen und Ohren des IS

Widerstand sei aussichtslos gewesen, sagt der Nachbar Ahmed. „In einem der Dörfer
gab es einen Aufstand“ weiß er. „Die Bewohner erschossen vier Daish“. Doch dann
seien andere Dschihadisten gekommen und hätten sich gerächt. Es habe viele Hinrichtungen gegeben. „Der IS hatte gute Augen und Ohren“, sagt Hussein. „Die
wussten alles, holten dich ab und brachten dich weg.“ Seit November 2016 weht wieder die
irakische Flagge am Dorfeingang. Im Oktober rückte die Armee durch die Ninive-
Ebene auf den Tigris vor. Die IS-Kämpfer zogen sich nach Mosul zurück. Familien, die sich dem IS angeschlossen hatten, gingen mit ihnen. Ihre Häuser stehen bis heute leer. Die schwarze Fahne des „Islamischen Staates“, die mehr als zwei Jahre lang am Schuldach gehisst war, nahmen sie mit. Kurz bevor die irakischen Streitkräfte im Dorf eintrafen, gingen vier Dschihadisten in einen leeren Lehmstall. Dort haben sie sich in die Luft gesprengt. Ein fünfter ergab sich der irakischen Armee. Bis heute wissen die Dorfbewohner nicht, was mit ihm geschehen ist. „Das war für uns die schlimmste Zeit“, sagt Hussein. „Du weißt nicht, ob du getötet wirst, Familienmitglieder verschleppt werden, oder dein Haus zerstört wird.“

Auf dem Gelände des antiken Nimrud hat eine Polizeieinheit in blau-grauen Uniformen ihr Zelt im Morast aufgeschlagen. Von den 3000 Jahre alten Mauern ist nur ein Haufen Schutt geblieben. Die steinernen Reliefs wurden weggeschafft oder zerschlagen. Die beiden geflügelten Torlöwen, von denen der Moschee-Verwalter sprach, sind von einer Explosion zerrissen. Die Bruchstücke versinken im Schlamm vor dem ruinierten Ninurta-Tempel. Stahlträger eines modernen Gebäudes sind auf eine Weise verdreht, dass es den Naturgesetzen zu widersprechen scheint. Über der antiken Stätte graue Wolken. Bei jedem
Schritt durch den Morast werden die Schuhe schwerer. Oben, auf der mit Bulldozern
gekappten Ziqqurrat sind gelbe Absperrbänder gespannt, die vor Sprengfallen warnen. „Die Menschen bauten diesen Hügel, um mit den Göttern zu sprechen“, sagt ein Polizist. Unterhalb des Lehmhügels erstreckt sich die grau-braune Ninive-Ebene bis zum Horizont. Dann beginnt es zu regnen. Die Absperrbänder zittern im Wind. Die Götter schweigen.